Quo Vadis Business Judgement Rule?

Viel zu häufig werden GmbH-Geschäftsführer für Ereignisse verantwortlich gemacht, die ausschließlich der Gesellschaft als Trägerin des unternehmerischen Risikos zuzurechnen sind. Mit dem Strafrechtsänderungsgesetz 2015 hat der Gesetzgeber diese Ungerechtigkeit insoweit beseitigt, als durch die neu eingefügten Paragrafen 25 Abs 1a GmbHG und 84 Abs 1a AktG die Business Judgement Rule in das gesatzte Recht integriert wurde. Der nachfolgende Beitrag bietet einen Überblick, worum es konkret geht.

1. Einführung

Bei der Business Judgement Rule handelt es sich um einen Rechtsgrundsatz, der zu einem „sicheren Hafen“ (Safe Harbour) in haftungsrechtlicher Hinsichtführt, wenn sich die Geschäftsführer an bestimmte Regeln halten. „Ein Geschäftsführer handelt jedenfalls in Einklang mit der Sorgfalt eines ordentlichen Geschäftsmannes, wenn er sich bei einer unternehmerischen Entscheidung nicht von sachfremden Interessen leiten lässt und auf der Grundlage angemessener Information annehmen darf, zum Wohle der Gesellschaft zu handeln.“ Sind sämtliche Voraussetzungen der Business Judgement Rule kumulativ erfüllt, führen bloße unternehmerische Fehlentscheidungen zu keiner persönlichen Haftung der Geschäftsführer; das Unternehmerrisiko trägt die Gesellschaft.

Das Risiko unternehmerischer Ermessenentscheidungen wird also von der GmbH bzw den Gesellschaftern als dahinterstehende Berechtigte getragen. Für die Geschäftsführer gilt der Grundsatz, dass sie keinen Erfolg, sondern lediglich die Einhaltung branchen-, größen- und situationsadäquater Sorgfalt schulden. Die Geschäftsführer trifft daher „nur“ eine Verschuldenshaftung und keine reine Erfolgshaftung.

2. Unternehmerischen Ermessen

Die Pflichten der Geschäftsführer zur Unternehmensleitung sind durch das Gesetz, den Gesellschaftsvertrag, den Anstellungsvertrag der Geschäftsführer, eine allfällige Geschäftsordnung, durch einzelne Weisungen der Generalversammlung und durch ungeschriebene Regeln zum Teil inhaltlich bestimmt oder begrenzt; bei der (strategischen) Unternehmensleitung sind auch methodische Gesichtspunkte maßgeblich.

Wirtschaftsethische Grundsätze binden zwar die Geschäftsführung, sie werden jedoch nicht mit den Mitteln des Rechts durchgesetzt, soweit sie nicht in Rechtssätzen kodifiziert sind. Die Geschäftsführer verletzen jedoch ihre Organpflichten nicht, wenn sie die Unternehmensleitung an allgemein anerkannte ethische Grundsätze und jenen Werten ausrichten, die gemeinhin als „Anstand“ verstanden werden.

Bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben haben sich die Geschäftsführer nur innerhalb von näher umschriebenen Grenzen an bestimmte Maßstäbe zu halten. Entsprechend dem Konzept der Business Judgement Rule haben die Geschäftsführer einen breiten Ermessensspielraum, der nicht eklatant überschritten werden darf: Innerhalb dieses durch § 25 Abs 1a GmbHG vorgegebenen Rahmens kommt es zu keiner gerichtlichen Nachprüfung der Einhaltung der objektiven Sorgfalt.

3. Voraussetzungen für die Haftungsprivilegierung

Für die unwiderlegbare Vermutung pflichtgemäßen Geschäftsführerhandelns und – damit verbunden der haftungsprophylaktischen Anwendung der Business Judgement Rule – müssen folgende kumulative Voraussetzungen gegeben sein:

  1. Es muss sich um eine (ex-ante) objektiv nachvollziehbare unternehmerische Entscheidung handeln.
  2. Einhaltung gesetzlicher und gesellschaftsvertraglicher Bestimmungen sowie Beachtung von Generalversammlungs- / Aufsichtsrats- / Beiratsbeschlüssen.
  3. Der Geschäftsführer handelt frei von Eigeninteressen, Interessenkonflikten und sachfremden Einflüssen.
  4. Die Entscheidung muss, zu dem Zeitpunkt zu dem sie getroffen wird, nach subjektiver Überzeugung der Geschäftsführer offenkundig geeignet sein, dem Wohle der Gesellschaft zu dienen. Die Geschäftsführer handeln daher im besten Interesse des Unternehmens.
  5. Die Entscheidungsgrundlage stützt sich auf der Bedeutung der Maßnahme entsprechende angemessene Informationen, die vernünftigerweise verfügbar waren.
  6. Die Geschäftsführer dürfen bei ihrer Entscheidung keine unverhältnismäßigen Risiken eingehen.
  7. Gutgläubigkeit der Geschäftsführer im Hinblick auf die Voraussetzungen zu i. bis vi.

Liegen die vorangeführten Voraussetzungen nicht zur Gänze vor, bedeutet dies im Umkehrschluss nicht, dass dieses Nichtvorliegen einzelner Voraussetzungen automatisch mit einer Sorgfaltswidrigkeit der Geschäftsführung gleichzusetzen ist; dieser Schlussfolgerung kommt lediglich Indizwirkung zu.

Kein haftungsfreier unternehmerischer Ermessensspielraum zu Gunsten von Geschäftsführern besteht jedenfalls

  • bei einer bereits aus einer Kompetenzüberschreitung resultierenden Pflichtverletzung;
    • bei Vorliegen eines In-Sich-Geschäftes;
    • in jenen Fällen, bei denen sie aufgrund zwingender gesetzlicher Vorgaben verpflichtet sind, bestimmte Handlungen zu setzen oder zu unterlassen.

Die Prüfung der Angemessenheit von Geschäftsführungshandlungen erfolgt insb im Falle einer Interessenkollision.

4. Unternehmerische Entscheidung

Eine unternehmerische Entscheidung ist die bewusste Auswahl eines Geschäftsführers aus mehreren tatsächlich möglichen, rechtlich zulässigen und vertretbaren Verhaltensalternativen; der Begriff ist im Sinne von „Geschäftsleitungsmaßnahme“ weit auszulegen. Auf dieser Grundlage ist immer dann von einer unternehmerischen Entscheidung auszugehen, wenn das Handeln der Geschäftsführer nicht durch das Gesetz, den Gesellschaftsvertrag, die Geschäftsordnung, Weisungsbeschlüsse der Gesellschafter oder zwischen diesen bestehenden Treuepflichten abschließend gebunden und damit vorgezeichnet ist. Zum Zeitpunkt des Entscheidungsfindungsprozesses ist in Folge unvorhersehbarer Entwicklung des maßgeblichen Sachverhalts noch nicht absehbar, welche der zur Verfügung stehenden Alternativen sich als die im Nachhinein für das Unternehmen wirtschaftlich vorteilhafteste herausstellen wird. Angesichts dieser Unwägbarkeit besteht deshalb ein gewisses Risiko, dass die von der Geschäftsführung getroffene Wahl für eine Entscheidungsalternative im Nachhinein von Dritten als von Anfang an erkennbar falsch angesehen wird.

Wesentliches Merkmal der unternehmerischen Entscheidung ist damit eine von den Geschäftsführern notwendigerweise vorzunehmende Prognose. Die sich daraus ergebenden  Risiken bzw Schwierigkeiten der Risikoeinschätzung können dazu führen, dass

  • sich eine zunächst vielversprechende Maßnahme im Zuge einer ex-post Betrachtung als für die Gesellschaft nachteilig herausstellt;
  • eine zunächst als überzogen qualifizierte Geschäftsführungshandlung im Nachhinein zu erheblichen Umsatzsteigerungen führt.

Das zweifelsohne bestehende Risiko der Treffsicherheit (in die Zukunft gerichteter) unternehmerischer Entscheidungen kann dadurch reduziert werden, dass die Geschäftsführung im Hinblick auf die sich ihr bietenden Handlungs- oder Entscheidungsalternativen deren Chancen und Risiken bzw Vor- und Nachteile wechselweise abwägt und im Anschluss unter Beachtung des Wohl des Unternehmens eine dokumentierte Ermessensentscheidung trifft.

Nachdem unternehmerische Entscheidungen immer eine Abwägung erfordern und damit gewisse Unsicherheitselemente beinhalten, führt nicht bereits jedes gewagte Geschäft zu einem Sorgfaltsverstoß der Geschäftsführung. In diesem Sinne legt die höchstgerichtliche Rechtsprechung einem unternehmerischen Ermessen ein weites Verständnis zugrunde. Untätigkeit im Sinne eines Unterlassens ist keine unternehmerische Entscheidung. Die bewusste (zulässige) Entscheidung des Vertretungsorgans, in einer bestimmten Situation nichts zu tun; ist ein Handeln und eben kein Unterlassen; eine solche Untätigkeit ist vom unternehmerischen Ermessen umfasst.

Dem gegenüber kommt dem Geschäftsführer kein unternehmerisches Ermessen bei gebundenen Entscheidungen zu. Für rechtswidriges Verhalten gibt es keinen „sicheren Hafen“. Möglich ist aber, dass die Art und Weise der Umsetzung pflichtgebundener Entscheidungen Handlungsalternativen eröffnen; damit lebt der Grundsatz des unternehmerischen Ermessens insoweit wieder auf.

5. Beachtung gesetzlicher und gesellschaftsvertraglicher Bestimmungen

Das Haftungsprivileg der Business Judgement Rule bezieht sich nur auf Ermessensentscheidungen eines informierten, rechtsgetreuen, in gutem Glauben handelnden Geschäftsführers, der frei von sachfremden Interessen ist. In der Mehrzahl der Fälle eröffnen gesetzliche Bestimmungen keinen Ermessensspielraum; vielmehr sind bestimmte Handlungen zu setzen bzw ist ein verpöntes Verhalten zu unterlassen.

Vom umfassenden Geschäftsführungs- und Vertretungsmonopol abgesehen, ist der Ermessenspielraum der Geschäftsführer, der ihnen durch die Regelungen des Gesellschaftsvertrages auferlegt wurde, begrenzt. Dazu kommt, dass die kraft Gesetz unbeschränkte und unbeschränkbare Vertretungsmacht im Innenverhältnis aus guten Gründen insoweit eingeschränkt wird, als die Geschäftsführer vor der Vornahme wichtiger Geschäfte die Zustimmung der Gesellschafter oder – eines allfälligen Aufsichtsrats / Beirats –  einzuholen haben. Sind diese wichtigen Geschäfte weder im Gesellschaftsvertrag, noch im Anstellungsvertrag oder der für die Geschäftsführer gültigen Geschäftsordnung zumindest demonstrativ aufgezählt, so fallen darunter jedenfalls Maßnahmen und Geschäfte, mit deren Realisierung ein wirtschaftliches und / oder rechtliches sowie organisatorisches Risiko für die Gesellschaft verbunden ist.

Beschlüsse eines anderen (gesetzlichen oder fakultativen) Gesellschaftsorgans – Generalversammlung, Aufsichtsrat, Beirat – sind für die Geschäftsführung verbindlich; dies gilt selbst dann, wenn die Geschäftsführung diese (Weisungs-)Beschlüsse für unzweckmäßig hält. Für die Bindungswirkung von Gesellschafterbeschlüssen und deren haftungsbefreienden Charakter zu Gunsten der Geschäftsführung gilt, dass „die gesamte Geschäftspolitik und Unternehmensstrategie einer GmbH– innerhalb der gesetzlichen Grenzen – autonom durch die Generalversammlung festgelegt, überwacht und gebilligt wird. Was in diesem Rahmen mit dem Willen der Gesellschafter geschehen ist, mag im wirtschaftlichen Ergebnis objektiv nachteilig sein, kann aber keine Verletzung der Gesellschaftsinteressen durch den Geschäftsführer darstellen.“

6. Kein Vorliegen von Eigeninteressen, Interessenkonflikten und sachfremden Einflüssen

Sachfremde Interessen liegen vor, wenn diese für die von einem Geschäftsführer getroffene Entscheidung maßgeblich war; ein abstrakter Interessenkonflikt ist daher nicht ausreichend. Ein dem Haftungsprivileg der Business Judgement Rule entgegenstehender Interessenkonflikt ist daher auch nur dann gegeben, wenn der Geschäftsführer davon wusste oder wissen hätte müssen. Die bloße Stellung als Gesellschafter-Geschäftsführer führt für sich alleine noch nicht zu einem Interessenkonflikt, weil die Interessenlage im Hinblick auf die Gesellschaftereigenschaft sowie aus der Sicht der Geschäftsführungsfunktion grundsätzlich gleichgelagert ist. Wird einem Geschäftsführer die Verfolgung von sachfremden Interessen vorgeworfen, hat er das zu widerlegen oder die Fremdüblichkeit dieser ihn betreffenden Maßnahme zu beweisen. Dabei ist darauf abzustellen, ob auch ein objektiv sorgfältiger Geschäftsführer in einer vergleichbaren Situation ohne Vorliegen eines Interessenkonfliktes die entsprechenden Maßnahmen ernsthaft erwogen hätte. Ist das zu verneinen, greift die Business Judgement Rule nicht; die Beweislast obliegt dem jeweiligen Geschäftsführer.

7. Wohl des Unternehmens

Das Handeln des Geschäftsführers muss dem Unternehmensinteresse dienen; er muss demnach unbeeinflusst von Interessenkonflikten, Fremdeinflüssen und ohne unmittelbaren Eigennutz, also unbefangen und unabhängig sein. Erforderlich ist jedenfalls, dass der Geschäftsführer sein Handeln ausschließlich am Unternehmenswohl ausrichtet. Das ist nicht der Fall, wenn sich der Geschäftsführer bei seiner Entscheidung von Sonderinteressen und sachfremden Erwägungen beeinflussen lässt. Hiervon ist auszugehen, wenn der Geschäftsführer zum eigenen Nutzen oder zum Nutzen ihm nahestehender Personen oder Gesellschaften handelt. Die Vermutung pflichtgemäßen Geschäftsführerhandelns greift daher nicht bei Geschäften mit nahen Angehörigen. Ist der Geschäftsführer zugleich Gesellschafter der GmbH, so ist in jedem Einzelfall zu prüfen, ob die konkrete Maßnahme zum eigenen Nutzen vorgenommen wurde. Kein Handeln zum eigenen Vorteil liegt insofern vor, als sich dieses nur mittelbar aus dem Wohl der Gesellschaft ableitet.

8. Angemessene Information

Von der Business Judgement Rule umfasst ist nur eine informierte Entscheidung. Unternehmerisches Ermessen kann nur derjenige für sich in Anspruch nehmen, der annehmen durfte, auf der Grundlage angemessener Information zu handeln. Maßstab ist nicht die objektiv erforderliche Information, sondern diejenige, die ein in den Grenzen seiner Sorgfaltspflicht handelnder Geschäftsführer für angemessen halten durfte. Die Beurteilung, wie viel Information benötigt wird, ist selbst eine unternehmerische Entscheidung und hängt vom Risiko der Maßnahme für die Gesellschaft und der Eilbedürftigkeit der Entscheidung ab. Zeit- und Kostenaufwand der Informationsbeschaffung sind in ein Verhältnis zum Nutzen der gewünschten Information zu setzen; es besteht keine Verpflichtung, in jedem einzelnen Fall alle verfügbaren Informationsquellen tatsächlicher und rechtlicher Natur auszuschöpfen.

Die Geschäftsführer dürfen sich auf die Ergebnisse eines Expertengutachten verlassen, wenn

  • dieses von verlässlicher und fachliche qualifizierter „Stelle“ ausgearbeitet wurde;
    • der Gutachter über gesamten beurteilungsgegenständlichen Sachverhalt informiert ist;
    • dem Gutachter sämtliche für die Beurteilung erforderlichen Informationen zur Verfügung gestellt wurden;
    • die Anfrage / der Auftrag an den Gutachter ergebnisoffen formuliert ist;
    • der Gutachter sich auf vorhandene Rechtsquellen stützt und sich mit diesen auseinandersetzt;
    • das Ergebnis insgesamt schlüssig ist.

Diese Expertenmeinungen wirken im Regelfall zu Gunsten der Geschäftsführung haftungsbefreiend; dies gilt freilich nicht für bloße Gefälligkeitsgutachten; m. E. ist sowohl ein außergewöhnlich geringes als auch ein auffallend hohes Honorar Indiz für eine mangelnde (fachliche) Seriosität. Unerlässlich ist, dass die Geschäftsführer zu einer Plausibilitätsprüfung jeder (gutachterlichen) Auskunftserteilung verpflichtet sind; die Argumente müssen für den Geschäftsführer nach objektiven Kriterien tatsächlich überzeugend sein.

Einer externen Meinung gleichzustellen, ist eine Auskunft der gesellschaftsinternen Rechtsabteilung, wobei allerdings die vorangeführten Grundsätze gelten.

Allerdings ist auch das Einholen von kostspieligen Sachverständigengutachten, Beratermeinungen oder externer Marktanalysen zur rein formalen Absicherung der Geschäftsführung sorgfaltswidrig, wenn es das Risiko der Maßnahme nicht rechtfertigt. Auszuschöpfen sind vielmehr die eigenen Informationsquellen der Gesellschaft. Dabei gilt, dass bereits vorliegende Daten und Einschätzungen umso verlässlicher sind, je öfter sich die darauf gestützten Prognosen in der Vergangenheit bewahrheitet haben. Besteht die Unternehmensleitung aus mehreren Geschäftsführern und ist eine Geschäftsverteilung wirksam vereinbart, so wird das individuell angemessene Informationsniveau für jeden einzelnen Ressortbereich beurteilt.

9. Gutgläubigkeit

Der Geschäftsführer muss gutgläubig gehandelt haben, also persönlich davon überzeugt gewesen sein, dass eine Maßnahme dem Interesse der Gesellschaft dient. Das hat er dann, wenn er annehmen durfte, auf der Grundlage angemessener Information zum Wohl der Gesellschaft zu handeln. Nicht ausreichend ist, dass der Geschäftsführer subjektiv gutgläubig war. Der gute Glaube, der sich sowohl auf die angemessene Informiertheit als auch auf das Wohl der Gesellschaft bezieht, ist vielmehr mit der Sorgfalt eines ordentlichen Geschäftsmannes zu bilden. Trotz subjektiver Gutgläubigkeit überschreitet daher ein Geschäftsführer den unternehmerischen Ermessenspielraum dann, wenn er Geschäfte tätigt, die aus ex ante-Sicht eines ordentlichen Geschäftsleiters das hohe Risiko eines Schadens in sich tragen und keine vernünftigen Gründe dafür sprechen, sie dennoch einzugehen.

Liegt diese Voraussetzung vor, so führen das bewusste Eingehen geschäftlicher Risiken, Fehlbeurteilungen und Fehleinschätzungen nicht zu einer Haftung. Umgekehrt für das Nichtvorliegen einzelner Tatbestandsmerkmale nicht automatisch zu einer Haftung sondern lediglich zu einer vollen gerichtlichen Überprüfbarkeit des Geschäftsführungshandelns; es liegt in der Folge am Geschäftsführer zu beweisen, dass er pflichtgemäß gehandelt hat.

10. Eingeschränkte Überprüfbarkeit unternehmerischer Entscheidungen

Entscheidungen, die im „sicheren Hafen“ getroffen werden, werden von den Gerichten inhaltlich nicht geprüft. Das Gericht beschränkt sich auf eine Vertretbarkeitskontrolle. Beurteilungsmaßstab ist die ex ante-Sicht eines die Sorgfalt eines ordentlichen Geschäftsmannes anzuwendenden Geschäftsführers. Prüfungsgegenstand ist nicht das Ergebnis als solches, sondern der für das Ergebnis ursächliche unternehmerische Entscheidungsprozess. Nur auf diese Weise wird der Geschäftsführer davor geschützt, dass die Gerichte in Kenntnis des bereits abgelaufenen Sachverhalts überzogene Anforderungen an die organschaftlichen Sorgfaltspflichten stellen. Im Mittelpunkt richterlicher Kontrollen stehen damit die Angemessenheit der Informiertheit des Geschäftsführers einerseits und die Vertretbarkeit der auf diesen Informationen ergangenen Entscheidungen andererseits.

Üblicherweise gibt es nicht nur eine richtige Entscheidung, sondern eine Vielzahl von vertretbaren Möglichkeiten. Mit der Bestellung einer bestimmten Person zum Geschäftsführer haben sich die Gesellschafter zugleich dafür entschieden, dass dieses Mitglied des Vertretungsorgans im Einzelfall bestimmen soll, welches die zu verwirklichende Maßnahme ist. Das Gericht hat sich in diesem Fall auf die Feststellung zu beschränken, ob sich die Geschäftsführer an die gebotenen Grenzen gehalten haben, ob die Maßnahme im Rahmen der Gesetze liegt. Jede weitergehende gerichtliche Nachprüfung der Zweckmäßigkeit unternehmerischer Entscheidungen wäre ein Eingriff in die unternehmerische Freiheit und Verantwortung.

10. Zusammenfassung, Empfehlungen

Grundsätzlich trägt das Unternehmerrisiko immer die Gesellschaft; den Geschäftsführern kommt bei ihren unternehmerischen Entscheidungen ein breiter Ermessensspielraum zu, der auch das bewusste Eingehen von geschäftlichen Risiken sowie die Gefahr einer Fehlbeurteilung einschließt. Den Geschäftsführer trifft keine Erfolgshaftung; er hat nur für ein zum Entscheidungszeitpunkt („ex-ante“) pflichtwidriges Verhalten einzustehen.

In der unrichtigen Beurteilung der Folgen einer Handlung liegt noch keine Fahrlässigkeit, wenn nicht die Beurteilung der Entscheidungsgrundlagen selbst auf einer Außerachtlassung der erforderlichen Sorgfalt beruht. Aus diesem Grund kommt eine Schadenersatzpflicht der Geschäftsführer erst dann in Betracht, wenn die

  • Grenzen des verantwortungsbewussten, ausschließlich am Unternehmenswohl orientierten und auf sorgfältiger Ermittlung der Entscheidungsgrundlagen beruhenden unternehmerischen Handelns deutlich überschritten werden;
    • Risikobereitschaft überspannt wird oder das Verhalten aus anderen Gründen als pflichtwidrig gelten muss.

Eine Haftung besteht daher nur dann, wenn ein Geschäftsführer seinen Entscheidungsspielraum eklatant überschreitet, eine evident unrichtige Handlung oder eine geradezu unvertretbare Entscheidung trifft. Daraus folgt, dass es in einer Entscheidungssituation nicht zwingend nur eine Entscheidungsalternative gibt, sondern dass auch mehrere (u. U. entgegen stehende Handlungsalternativen) sorgfaltskonform sein können. Die Einhaltung der Business Judgement Rule schließt eine Strafbarkeit nach § 153 StGB (Untreue) aus.

Die Geschäftsführer haben bei ungebundenen Entscheidungen, bei denen ihnen ein breiter Ermessensspielraum zukommt, die maßgeblichen Entscheidungsgrundlagen sorgfältig zu erheben.

Sind die Kriterien der Business Judgement Rule erfüllt, liegt ein Geschäftsführungshandeln innerhalb des Ermessensspielraums; dieser ist der gerichtlichen Überprüfung entzogen, was eine Haftung gegenüber der Gesellschaft oder gar eine strafrechtliche Verfolgung ausschließt.

Nachdem es für die Geschäftsführer im Einzelfall schwierig sein kann, das Vorliegen der Voraussetzungen für die Anwendbarkeit der Business Judgement Rule – vor allem das Vorliegen einer unternehmerischen Entscheidung mit einem breiten Ermessensspielraum – zu beweisen, ist es aus Sicht jedes Geschäftsführers unerlässlich, ihre jeweiligen Entscheidungsgrundlagen rechtzeitig sorgfältig zu dokumentieren. Diese Eigendokumentation sollte zweckmäßigerweise nach folgenden Gesichtspunkten konzipiert werden:

  1. Von welchen Vorteilen war iZm der getroffenen Maßnahmen auszugehen?
  2. Welche Chancen hat (bzw hätte) das Geschäft für die Gesellschaft gebracht?
  3. Welche mit einer Realisierung der beabsichtigten Maßnahme sich ergebenden Nachteile wurden bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt?
  4. Worin lagen konkrete Gefahren?

Bei den vorangeführten Dokumentationsbestandteilen empfiehlt sich eine punktuelle Aufzählung. Abschließend sollte kurz zusammengefasst werden, welche Überlegungen ausschlaggebend waren, dass trotz der identifizierten Nachteile und Gefahren schlussendlich eine Entscheidung pro Maßnahme getroffen wurde.

Die Business Judgement Rule wirkt grundsätzlich nicht bei der Verletzung von gesetzlichen, gesellschafts- und anstellungsvertraglichen Pflichten (insb bei der Verletzung von Treue- und Informationspflichten); aus denen nur eine rechtmäßige Alternative abgeleitet werden kann. In diesen Fällen bleibt es bei einer persönlichen Haftung der Geschäftsführung unter den allgemeinen Voraussetzungen des § 25 Abs 2 GmbHG.

Weiterführende Ausführungen zum Thema:

Christian Fritz, Wie führe ich eine GmbH richtig?

Praxishandbuch mit über 1.300 Beispielen, Mustern und Checklisten

2., überarbeitete und erweiterte Auflage (Linde)